Stadtspaziergang: Oberstdorf

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Blick auf Oberstdorf und die Allgäuer Alpen ~ Foto: Dominik Schraudolf / pixabay

Von Gastautorin Angela Oelckers

Im Allgäu ist alles Landschaft: wilde, romantische, liebliche, schroffe, nützliche und oft auch gefährliche. Wenn an einem späten Herbsttag die Gipfel der Hochalpen verschneit glänzen und im Tal alles in knalligen Farben leuchtet, mutet sie geradezu kitschig an.

Das Wetter meint es gut mit soviel Schönheit, während sich andernorts zäh der Nebel hält, scheint hier gern strahlend die Sonne. So kommen die meisten Besucher wegen der Landschaft her, zum Wandern oder Skifahren. Zack, von der Bahn auf den Wanderweg oder in die Gondel.

Dabei hat das Örtchen Oberstdorf, die südlichste Gemeinde Deutschlands und im Jahr 1141 durch die Weihe-Inschrift in der Kirche erstmals urkundlich erwähnt, auch einiges zu bieten. Durchaus dörflichen Charme etwa, alte Häuser im Allgäuer Bauernstil und traditionelle Geschäfte, erstklassige Restaurants und regionale Spezialitäten.

Starten wir unseren Rundgang also – als umweltschonende Reisende – am Bahnhof. Beim Bäcker Schroth, gleich rechts um die Ecke (Sonthofener Str. 8), holen Sie sich schnell eine Wegzehrung „auf die Faust“: Brot und Brötchen bäckt Familie Schroth noch nach traditionellem Verfahren im Holzofen.

Dann schlendern Sie in die Kirchstraße, bis Sie unter dem Schild mit dem imposanten goldenen Löwen stehen: die Löwenwirtschaft ist eines der nettesten Wirtshäuser des Ortes. Zur späteren Nutzung studiere man die Speisenkarten, denn im Restaurant Ess Atelier Strauss unter demselben Dach kochen mit Peter A. Strauss und seinem Team „Jeunes Restaurateurs d’Europe“, es wird von so ziemlich jedem Gastro-Führer empfohlen (Kirchstraße 1).

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Das Allgäu ist immer eine Reise wert – zu jeder Jahreszeit ~ Foto: Dominik Schraudolf / pixabay

Auf dem Marktplatz wenige Schritte südlich erreichen Sie das Zentrum des Ortes. Schauen Sie in der Katholische Pfarrkirche St. Johannes mal nach oben: Sie hat eine schöne hölzerne Kassettendecke. Seit dem 12. Jahrhundert steht hier eine Kirche, die allerdings im Jahr 1865 weitgehend dem „Großen Brande“ zum Opfer fiel, der zwei Drittel von Oberstdorf vernichtete. Beim Wiederaufbau erinnerte man sich an sieben große Passionsbilder des Fischener Malers Johann Baptist Herz, sie lagerten auf dem Dachboden der alten Seelenkapelle (ein Stück weiter auf dem stillgelegten Friedhof), wo sie der Katastrophe entgingen. Jetzt hängen sie wieder und schildern lebendig und farbig Szenen der Leidensgeschichte Jesu in lebensgroßen Figuren (Marktplatz 3).

Auch das älteste Hotel von Oberstdorf verschwand in den Flammen. Im Jahr 1478 wurde es erstmals als „Taferne beyr Kirchen“ erwähnt – jetzt steht das Hotel Mohren**** auf den über 500 Jahre alten Grundmauern und dem alten Gewölbe. „Wir nutzen dieses geschichtsträchtige Gemäuer nicht nur zur Lagerung unserer Weinschätze, sondern um in uriger Atmosphäre zu genießen“, so Mohren-Direktor André Brandt, „da unten finden jede Woche kulinarische Veranstaltungen statt“ (Marktplatz 6).

Bevor Sie weitergehen: Holen Sie sich aus dem Kaesladen ein großes Glas der unglaublich leckeren Buttermilch „to go“. Natürlich gibt’s auch feinste regionale Spezialitäten, Käse, Wurst und Brände (Oststraße 37).

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Das Heimatmuseum ~ Foto: Angela Oelckers

Auf der linken Seite der Oststraße gelangen Sie an das Heimatmuseum Oberstdorf.

Dieses wunderschöne Holzhaus von 1620 hat wie durch ein Wunder sowohl den Brand als auch die Modernisierungswut der 1970-er Jahre überlebt und zeigt jetzt in 38 Räumen die dörfliche und ländliche Lebensweise der Vergangenheit (Oststraße 13).

Damit der Kopf wieder klar wird, geht’s weiter die Oststraße entlang. Rechts, in Elsa’s Kuhstall, picken Sie Ihre Mitbringsel auf: zart duftende Allgäuer Kuhmilch-Seife zum Beispiel – es gibt sie auch in Form von Golfbällen (Oststraße 20).

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Das Allgäu – ein Kuh-Paradies ~ Foto: Dominik Schraudolf / pixabay

Oder Sie kaufen schräg gegenüber beim Holzschnitzer Michael Ohmayer eine Krippe oder ein Vogelhaus. Die Ohmayers pflegen bereits in der vierten Generation das Traditionshandwerk, was einem selbst dann Respekt abnötigt, wenn man den barock-religiösen Stil nicht so mag (Oststraße 27).

Ein Stück weiter dann ein Juwel, ein bisschen aus der Zeit gefallen – oder exakt im Nachhaltigkeitstrend, wie man will: der Schusterladen Grenzenlos Schuhwerk. Meister Uwe Engler fertigt noch Bergstiefel und Halbschuhe, die ein ganzes Leben halten, außerdem Gamaschen, Filzeinlagen und Pflegemittel nach Geheimrezept. Besserwisserische Preußen lässt er schon mal links liegen, aber wer zu ernsthafter Bewunderung für so viel Können fähig ist, wird mit ihm ins Gespräch und zu neuem Schuhwerk kommen (Oststraße 32).

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Abfahrt mit der Pferdekutsche ~ Foto: Lohnkutscherei Blattner

Wir werfen noch einen schnellen Blick auf die Lohnkutscherei Blattner am Ende der Straße. Ab 1882 fuhren die Blattners Holz, Kies und Kalk durch die Region – ab und an sogar Reisende bis Bozen. Heute starten täglich Vergnügungsfahrten mit Kutsche bzw. Schlitten in die umliegenden Hochtäler. Abfahrt immer um 11 Uhr am Blattnerhaus (Oststraße 37).

Man könnte, wenn man die Schritte nach Südwesten wendet, zwar noch einige schöne, traditionelle Allgäuer Bauernhäuser anschauen, zum Beispiel in der Lorettostraße oder in der Schrofengasse. Aber das kann man ja auch am Nachmittag noch tun, jetzt fordert der Appetit sein Recht.

Schnurstracks gehen wir den Mühlenweg Richtung Ludwigstrasse, passieren das Bronzedenkmal des Prinzregenten Luitpold, der dort seit 1912 mit Flinte bewaffnet auf einem Findling steht und in den Himmel schaut – und fallen erleichtert ein in den Gastraum des „Königlich Bayerischen“ Restaurants Das Jagdhaus (Ludwigstraße 13). Dass der „Poldi“ um die Ecke steht, ist kein Zufall, er war’s, der sich 1856 dieses romantische, schindelverkleidete Holzhaus baute als Dependance für seine größte Passion. Waren die Jagdausflüge von Erfolg gekrönt, kam heimisches Wild auf den Tisch. Eine Tradition, die die hervorragende Küche fortführt: Es gibt regionale, bodenständige Gerichte mit dem gewissen Etwas, von der Festtagssuppe über frische Pfifferlinge mit Semmelknödel bis hin zum Königsschmarrn. Die Vorfreude wird verstärkt durch das Wissen, dass das „Jagdhaus“ ein Schwesterrestaurant des mit einem Michelinstern ausgezeichneten Maximilians ist (ebenfalls in Oberstdorf).

Jetzt sind Sie ausreichend gestärkt für die letzte Station des Spazierganges durch Oberstdorf: die Villa Jauss. 1895 baute sich der Brauereibesitzer Melchior Jauss diesen hölzernen Prachtbau, heute ist er Oberstdorfs Kulturzentrum im Fuggerpark, es finden Ausstellungen statt und der „Kultursalon“ mit Vorträgen, Musik und Literatur. In der Villa Jauss befinden sich aus der Stiftung des lokalen Sammlers Hugo J. Tauscher etliche Originalzeichnungen, Radierungen und Lithographien von illustren Künstlern (wie Heinrich Zille, George Grosz, Oskar Kokoschka, A. Paul Weber, Horst Janssen, Joseph Beuys, Henri de Toulouse-Lautrec, Henry Moore, Marc Chagall, Pablo Picasso, Salvador Dalí, Antoni Tàpies und Joan Miró). Die Öffnungszeiten variieren – besser, Sie schauen vorher nach (Fuggerstraße 7). Von hier geht’s dann Richtung Norden zurück in die Ortsmitte.

Die Autorin:

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Foto: Angela Oelckers

Angela Oelckers hat zwölf Jahre als Cheredakteurin und 5 Jahre als Ressortleiterin in verschiedenen Wohn- und Frauenmagazinen vorzuweisen. Heute führt sie ein eigenes Redaktionsbüro in Hamburg. Kontakt: angela.oelckers@gmx.net.


(Text: Angela Oelckers über kuno-kulturnotizen.de, Fotos: siehe Bildunterschriften, 25.11.2015)

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