7 Fragen an … Reiseleiter Dennis Hartke

Interview mit Dennis Hartke – Reiseleiter und Grönland-Spezialist beim Reiseveranstalter und Ausbilder Travel & Personality

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Reiseleiter und Grönland-Spezialist Dennis Hartke

Dennis Hartke ist seit 2009 Reiseleiter für Travel and Personality und andere Veranstalter in den Ländern Grönland, Island, Schottland und Irland. Er ist außerdem Ausbilder für Reiseleiter, Autor für touristische Lehrbücher und Sprecher für Reisehörbücher.

1. Was bedeutet bewusstes Reisen für Sie?

Wenn wir reisen, können wir die Welt mit den Augen eines Kindes entdecken. Für mich bedeutet es, sich auf ein Land einzulassen – mit allen Facetten, die es bereithält. Wenn wir mit offenem Herzen reisen und die landesüblichen Gegebenheiten akzeptieren, können wir bewusst ein Land kennenlernen. Gerne kann dies auch über einen längeren Zeitraum geschehen. Es geht nicht darum, Länder bloß „abzuhaken“. Ein Land wirklich zu bereisen verspricht mehr.

Die beste Methode ist, die Welt im Gehen zu bereisen. Wenn man festen Boden unter sich fühlt und die Geschwindigkeit verlangsamt, bleibt mehr Zeit für eine bewusste Wahrnehmung. Damit steigert sich auch das Verständnis und das Erlebnis. Zudem sind unsere Sinne wacher. Wir sehen, fühlen, schmecken, hören, was das Land uns bietet. Diese Kombination ist wertvoll für jede Reise.

2. Wie können Reisen – aus Ihrer Sicht – das Leben tiefgreifend und nachhaltig verändern?

Immer wieder kommen Menschen auf mich zu und erzählen von Ihren Reisen. Sie erzählen von den Landschaften, vom Essen, von den Hotels – und sie erzählen von dem, was sie gelernt haben. Man sagt immer: „Die besten Reisen beantworten Fragen, die man sich zu Beginn der Reise gar nicht gestellt hat.“

Jeder, der eine Reise unternimmt, kommt ein Stück weit verändert zurück. Reisen schärft die Sinne und lässt uns Einblicke abseits unseres normalen Alltags erhalten. Allein das schafft schon Veränderung. Wirklich tiefgreifende Veränderung erleben wir, wenn wir uns auf eine Reise ins Unbekannte begeben, und davor haben viele Angst. Ich meine damit nicht einen Städtetrip von Berlin nach New York, sondern in ein Land, wo oft vor einem Kulturschock gewarnt wird.

Das Wort „Kulturschock“ ist eigentlich ein unnützes Wort. Oft sind es genau solche Destinationen, die uns Reisende innerlich berühren und bewegen. Der Mensch bleibt im Grundsatz er selbst, nur die Sichtweise verändert sich ein Stück weit. Wer in abgelegene Regionen oder auch ärmere Länder reist, findet dort oft mehr, als in einer modernisierten Stadt. Was nicht heißt, dass es dort nichts zu entdecken gäbe. Eine wirklich spirituelle Veränderung bekommen wir aber nicht durch noch größere Häuser und mehr Auswahl beim Shoppen, sondern bei Begegnungen mit der Natur sowie anderen Völkern und deren Kulturen. Wir lernen immer ein Stück weit dazu und das schafft die Veränderung.

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Dennis Hartke in Grönland

3. Haben Sie persönlich schon Reisen erlebt, die zu echten „Lebensreisen“ wurden – weil diese Sie so berührt und verwandelt haben, dass Ihre Lebenseinstellung und der Alltag eine tiefgreifende Veränderung erfahren haben?

Meine persönlichen Erfahrungen habe ich vor allem auf langen Reisen in die Highlands von Schottland und an die wilde Westküste von Irland gesammelt. Aber keine Reise hat mich mehr bewegt als die in die Arktis nach Grönland. Ich wusste nichts über dieses Land und kannte es nur von der Landkarte. Als ich dann ein Angebot bekam, dort als Reiseleiter hinzureisen, habe ich einfach zugesagt.

Alleine schon der Ausblick beim Landeanflug auf die Ostküste raubt jedem den Atem. Dieses Land aus gigantischen Fjorden, Bergen und ewigem Eis rüttelte in mir etwas wach. Ich lebte für Wochen draußen im Zelt, trank aus Quellen, badete in Bachläufen, besuchte die Inuit in ihren Dörfern und begriff, dass es im Leben wirklich nur auf wenige Dinge ankommt. Glück und Zufriedenheit lässt sich nicht an materiellen Dingen messen.

Die größte Veränderung in mir schuf jedoch die Natur. Nie erlebte ich das Geräusch von Stille so tief wie in Grönland. Nie war ich so nah an der Schöpfung, als neben unserem Boot ein Buckelwal auftauchte und mir seine Fontäne ins Gesicht blies.

Auf Reisen sammeln wir Erfahrungen, die mehr wert sind als alles Geld der Welt. Wir erzählen anderen Menschen von unseren Erfahrungen, manchmal stundenlang. Denn das sind die Stunden, die zählen. Als ich wieder in Deutschland ankam, stand ich am Bahnhof und ein Bettler fragte mich nach Geld. Im Hintergrund fuhren Wagons voller Neuwagen vorbei. Ich dachte sofort: All dies gibt es in Grönland nicht und ich bin trotzdem glücklich mit dem, was ich dort erlebt habe.

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4. Sie sind ja hauptberuflich Reiseleiter. Was fasziniert Sie an diesem Beruf? Gibt es auch Schattenseiten?

Mich fasziniert die Möglichkeit, Menschen die Schönheit der Welt zu zeigen. Es ist ein Beruf, in dem mit Glück gearbeitet wird, denn wir machen Menschen glücklich. Zudem ist es ein Beruf, der Frieden bringt. Wir fungieren als Bindeglied zwischen den Reisegästen und fremden Völkern. Wenn wir eine Verbindung herstellen, wird sich niemand bekriegen, eher werden die Menschen zusammen lachen.

Desweiteren ist es ein freischaffender Beruf mit der Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wo man arbeiten möchte, denn die Welt steht einem offen. Es ist ein Beruf, bei dem man seine ganze Kreativität ausleben kann, sich Wissen aneignet und mit jeder Reise Neues dazu lernt. Man ist die Garantie des Reiseglücks, der Kreateur der Reise. Mit uns Reiseleitern steht und fällt die Reise. Jede Reise bietet auch neue Herausforderungen und das macht das Ganze so faszinierend.

Schattenseiten kenne ich nicht. Wer hat schon die Möglichkeit, jeden Tag unter einem neuen Horizont aufzuwachen und damit sogar sein Geld zu verdienen? Ich stehe jeden Tag auf und freue mich des Lebens.

5. Ist Ihr Beruf auch Ihre Berufung? Kann der Beruf des Reiseleiters eine Berufung sein?

Es ist mein Tun, mein Wesen. Ich habe schon früh für mich gemerkt, dass ich mehr beruflichen Bezug in Aktivitäten finde, die mich begeistern. Vorher habe ich ein Jahrzehnt lang als Musiker gearbeitet und nebenbei immer irgendeinen Job gehabt. Als ich das Reisen anfing und später Reiseleiter wurde, wusste ich, das ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Dies ist für mich der größte Erfolg, den ich je erreicht habe.

Ich fühle mich nicht „berufen“ dazu, ein Reiseleiter zu sein. Ich mache einfach das, was mir Spass macht. Ich glaube, wenn dieses Glück mehrere Menschen spüren würden, wäre die Arbeitswelt ein Stück weit angenehmer.

6. Wenn unsere LeserInnen sich von diesem Interview inspiriert fühlen und mehr über den Beruf des Reiseleiters erfahren möchten, wo findet man gute Informationen darüber?

Gute Informationen findet man zum Beispiel bei www.travel-and-personality.de – der Reiseveranstalter, bei dem auch ich meine Ausbildung absolviert habe und heute noch tätig bin. Dort werden Reiseleiter, Wanderführer, Outdoorguides und Stadt-/Gästeführer in kompakten Seminaren ausgebildet und das mit wirklich essenziellem Wissen. Es sind sehr schöne Seminare mit einer guten Mischung aus Theorie und Praxis. Am Ende der Aubildung gibt es ein Zertifikat. Dieses Zertifikat war auch mein Ticket in die Welt der Reiseleitung. Es ist wirklich zum empfehlen.

Für den Beruf des Reiseleiters gibt es keine gesetztlich vorgeschriebene Ausbildung. Meist bilden die Reiseveranstalter selbst aus. Der Einstieg kann auch über andere Berufe im touristischen Bereich erfolgen.

Weitere Informationen bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Reiseleiter

7. Abschließend eine allgemeine Frage: Was ist Ihr größter Wunsch für die Erde und uns Menschen?

Ich würde mir wünschen, dass wir Menschen wieder mehr Zugang zur Natur bekommen. Wir tragen eine Verantwortung in uns, die Schönheit der Erde zu schützen. Denn auf eine gewisse Art und Weise ist alles miteinander verbunden. Nicht auf einem radikalen Weg liegt mein Wunsch, aber einem mit bedachten Schritten. Wenn wir reisen, dann lernen wir bei jeder Reise etwas dazu und können Verständnis für diese Verantwortung wecken.

Wenn Sie den Leserinnen und Lesern sonst noch etwas mitgeben möchten, können Sie das jetzt gerne noch tun … 🙂

Egal welche Zeiten heranbrechen mögen, wir sollten niemals aufhören zu reisen. Die Welt ist da, damit wir sie uns ansehen können. Wir leben nur einmal – also nutzen wir diese Zeit lieber.

Herzlichen Dank, lieber Herr Hartke, für dieses spannende und inspirierende Interview!

Das Interview wurde im Februar 2016 von Karin Myria Pickl per eMail geführt.

(kmp, 11.02.2016; Fotos: Dennis Hartke)

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